Vortrag auf Einladung des AK Neolithikum und Bronzezeit:
Troia zählt mit einer über 150-jährigen Forschungsgeschichte zu den am intensivsten untersuchten archäologischen Fundplätzen. Die kontinuierliche wissenschaftliche Auseinandersetzung hat maßgeblich dazu beigetragen, die komplexe Siedlungs- und Kulturlandschaft des Hügels Hisarlık über mehr als drei Jahrtausende hinweg zu rekonstruieren und in ihren regionalen wie überregionalen Kontext einzuordnen. Einen besonderen Beitrag zu diesem Erkenntnisprozess leisten die systematischen Ausgrabungen der Universität Tübingen, die zwischen 1987 und 2012 durchgeführt wurden. Sie haben nicht nur die stratigraphische und chronologische Gliederung des Fundplatzes entscheidend präzisiert, sondern auch neue Perspektiven auf die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen der bronzezeitlichen Siedlung eröffnet. Der Vortrag stellt die neuen 14C-Daten aus Troia und die damit verbundenen methodischen Herausforderungen ins Zentrum. Grundlage ist ein Korpus von 464 Messungen an Holzkohlen, Knochen und archäobotanischen Makroresten aus gesicherten, stratifizierten Kontexten. Diese außergewöhnlich dichte Datenbasis eröffnet prinzipiell die Möglichkeit, chronologische Entwicklungen mit hoher Präzision zu modellieren und die mehr als dreitausendjährige Besiedlungsgeschichte des Fundplatzes fein zu differenzieren. Gerade in dieser Stärke liegt jedoch ein zentrales Problem. Ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. bis in das erste Viertel des 2. Jahrtausends v. Chr. verschlechtert sich die zeitliche Auflösung signifikant. Während frühere und spätere Abschnitte vergleichsweise klar voneinander abzugrenzen sind, verdichten sich die kalibrierten Daten in diesem Zeitraum zu breiten, teils stark überlappenden Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Die etablierten Periodisierungen geraten dadurch unter Druck, da sich einzelne Bau- und Nutzungsphasen nicht mehr trennscharf fassen lassen. Die Ursachen dieser Verdichtung sind bislang nicht abschließend geklärt. Neben kalibrationsbedingten Effekten kommen fundplatzspezifische Faktoren in Betracht, etwa Umlagerungsprozesse, Altholzeffekte oder materialspezifische Unterschiede im Datierungspotenzial. Die Herausforderung liegt somit weniger in der Generierung weiterer Daten als in ihrer kritischen Kontextualisierung und robusten Modellierung. Der Beitrag analysiert diese Problemlage systematisch und diskutiert ihre Konsequenzen für die Chronologie Troias. Im Fokus steht die Frage, wie archäologische Periodisierungen unter Bedingungen reduzierter zeitlicher Auflösung neu gefasst und methodisch belastbar gemacht werden können.
Zugangsdaten:
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