Stumpfe Gewalteinwirkungen zählen zu den häufigsten Ursachen für Verletzungen am menschlichen Skelett. Ein grundlegendes Verständnis der Entstehung solcher Verletzungen ist sowohl in archäologischen als auch in forensischen Kontexten von zentraler Bedeutung. Die Interpretation von Skeletttraumata in bioarchäologischen Zusammenhängen stellt jedoch eine besondere Herausforderung dar, da bislang nur wenige verlässliche Methoden existieren, um Unfallverletzungen eindeutig von zwischenmenschlicher Gewalt zu unterscheiden – eine Differenzierung, die für die Rekonstruktion vergangener Verhaltensmuster essenziell ist.
Dieser Vortrag zeigt anhand moderner forensischer Fallbeispiele, wie sich typische Verletzungsmuster bei Unfällen (z. B. Stürzen) von solchen durch interpersonelle Gewalt unterscheiden lassen. Darüber hinaus wird erläutert, wie fraktographische Analysen dazu beitragen können, biomechanische Belastungsgrenzen von Knochen besser zu verstehen und Rückschlüsse auf den Verletzungshergang zu ziehen.
Im zweiten Teil werden diese methodischen Ansätze auf historische Fallbeispiele aus Litauen angewendet. Dabei wird demonstriert, wie sich Tathergänge rekonstruieren lassen und wie insbesondere Gewalt gegen vulnerable Gruppen wie Frauen, Kinder und ältere Menschen in der Vergangenheit sichtbarer gemacht werden kann.