Vor fast genau einem Jahr wurde innerhalb der Österreichischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte ein Mittelalterarbeitskreis gegründet. Dafür waren mehrere Gründe ausschlaggebend:

1) Im Moment gibt es für die Mittelalterarchäologie noch sehr wenige Ansprechpartner in Österreich. Wir wollten nun eine zentrale Anlaufstelle für alle Interessierten bieten.
2) Es galt auch, gerade durch eine verstärkte Tätigkeit bei Notbergungen in mittelalterlichen Bereichen in Niederösterreich (Tulln-Minoritenkloster, Krems-Rehberg, Krems-Herzogshof, Senftenberg, Harmannstein) für Studenten eine Möglichkeit zu schaffen, sich über die laufenden Grabungen (bzw. die Möglichkeit, dort mitzuarbeiten) zu informieren.
3) Als eine vordringliche Aufgabe betrachteten wir auch die Notwendigkeit, Kontakte mit ausländischen Kollegen aufzubauen.
4) Um für eine wissenschaftliche Bearbeitung des mittelalterlichen Materials einen Grundstock zu legen, wurde auch die Erstellung einer mittelalterlichen Sach- und Autorenkartei und eines Beschreibungssystems sowohl für Kleinfunde als auch für Keramik in Planung genommen.

Tätigkeiten des letzten Jahres

Waldviertelexkursion
Am 1. und 2. Oktober 1990 wurde im Zuge der Gründungssitzung eine zweitägige Exkursion durch das mittelalterliche Waldviertel veranstaltet. Dabei besichtigten wir mehrere wichtige Burganlagen dieses Gebietes , z. B. Gars, Senftenberg, Rehberg, Oberranna, Arbesbach, Wimberg u.v.a.

Keramikworkshop
Am 22. Oktober 1990 wurde zusammen mit mehreren Studenten der Ur- und Frühgeschichte ein Keramikworkshop abgehalten. Durch Anschauungsmaterial aus Sachsendorf, dem Krahuletz- und dem Höbarthmuseum wurde uns von M. Krenn ein kurzer Einblick in die Typenvielfalt und in die Chronologie bzw. deren Problematik vermittelt.

Kleinfundeworkshop
Für interessierte Studenten wurde am 15. Dezember 1990 eine Einführung in die Kunde mittelalterlicher Kleinfunde abgehalten. Th. Kreitner stellte an Hand einzelner Beispiele die verschiedenen Typen und Entwicklungsformen vor.

Bayernexkursion
Vom 16. bis 20. Februar 1991 wurde uns durch Herrn Dr. H. Geisler vom Haus der Bayerischen Geschichte ein Mittelalterstreifzug durch den Niederbayerischen Wald ermöglicht. Wir besichtigten das Gebiet des spätantiken Kastells bei St. Peter, den Wittelsbachersitz und das Gäubodenmuseum in Straubing, wichtige mittelalterliche FundsteIlen im Landkreis Straubing wie z.B. Bogenberg, die Burg Haibach, das Prämonstratenserkloster Windberg, Chammünster und Regensburg mit seinen zahlreichen alten Kirchen und einem jüdischen Ritualbad.
In München wurde uns die Gelegenheit geboten, einen Einblick in die Arbeit von Herrn Dr. Becker vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zu erhalten. Er erläuterte uns in kurzen Zügen, mit einigen Beispielen am Computer, das Zusammenwirken von geomagnetischer Vermessung, Luftbildarchäologie, Kartographie und die Umsetzung der Informationen in die Computerauswertung. Herr D. Klonk, Grabungstechniker des Bayerischen Landesamtes, zeigte uns das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit der Firma ArcSys in der Entwicklung einer digitalen Grabungsdokumentation. Als Abschluß der Exkursion wurde uns noch eine Führung durch die bischöfliche Residenz Freising geboten, zusammen mit dem Besuch einer Ausstellung über den St. Gallener Klosterplan.

Baselexkursion
Durch die Kontaktaufnahme mit Prof. W. Meyer vom Historischen Seminar in Basel wurde die Möglichkeit einer Exkursion vom 14. bis 19. April 1991 geschaffen. Da Prof. Meyer auf Grund der Vorbereitungsarbeiten für das 700-Jahr-Jubiläum der Schweiz verhindert war, wurden wir von lic. phil. Th. Bitterli-Waldvogel geführt. Er zeigte uns das Historische Museum Basel in der Barfüßerkirche, das Museum Klingenthal mit einem Dachstuhl aus dem 13. Jahrhundert und das Basler Umland (die römische Siedlung Kaiseraugst, die Wehranlage der Sissacher Fluh, die Motte Zunzger Bühel, die Grottenburg Riedfluh, die Frohburg, die Burgruine Scheidegg, die Wasserschlösser Bottmingen und Pratteln, die Wehrkirche St,. Arbogast in Muttenz, Neu- und Alt-Schauenburg). Mit Herrn lic. phil. Chr. Matt, Mitarbeiter des Amtes für Bodenforschung der Stadt Basel, konnten wir einen archäologischen Rundgang in und unter Basel antreten. Dabei sahen wir Reste der Befestigungsanlagen und Teile der mittelalterlichen Innenbebauung. Er gab uns zudem Einblicke in die Arbeitsweise seiner Amtsstelle bzw. in die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen der Stadt Basel. Herr Obrecht führte uns durch die laufende Wüstungsgrabung Lausen. Er vermittelte uns auch einige Details über Schweizer Grabungstechniken. Um auch den urgeschichtlichen Teil nicht zu kurz kommen Zu lassen, führte uns Herr P. Jud durch die berühmte latenezeitliche Grabung Basel-Gasfabrik.

Gegenbesuch von lic. phil. Th. Bitterli-Waldvogel
Um unserem Scnweizer Kollegen einen Ausschnitt unseres mittelalterlichen Bestandes im nördlichen Niederösterreich zeigen zu können, luden wir ihn zu einem Besuch vom 14. - 18. August 1991 ein. Gezeigt wurden Herrn Bitterli-Waldvogel die derzeit laufenden Grabungen von Tulln (Minoritenkloster, spätantikes Gräberfeld), Traismauer (römerzeitliche Zivilsiedlung) und Sachsendorf (mittelalterliche Wasserburganlage). Des weiteren wurde ihm ein kleiner Querschnitt durch die verschiedensten Typen der vorhandenen mittelalterlichen Anlagen geboten, z. B. Gars (Thunau, Babenbergerburg, Tabor), Stallegg, Kühnring, Schrattenthai, Guntersdorf; Schöngrabern, Niederweiden, Gaiselberg, Heidenreichstein, Hard, Rappotenstein, Krems Rehberg, Senftenberg, Schallaburg. Im Zuge dieser Exkursion konnten einige Ansatzpunkte für eine weitere Zusammenarbeit gefunden werden.

Einige geplante Punkte für das kommende Studienjahr

Bauforschung
Es wird im Laufe des kommenden Studienjahres dank der Zusage von Herrn Dr. Farka eine Übung über Bauforschung stattfinden. Denn gerade ein Mittelalterarchäologe ist darauf angewiesen, zumindest Grundkenntnisse der Bauaufnahme zu beherrschen. Für alle Interessierten wird, sobald der genaue Termin bekannt ist, ein Aushang sowohl an den Instituten für Ur- und Frühgeschichte, für Klassische Archäologie als auch für Kunstgeschichte gemacht. Es besteht auch die Möglichkeit, sich diese Übung als Lehrveranstaltung für Ur- und Frühgeschichte anrechnen zu lassen.

Exkursion nach Speyer
Nach der dreimaligen Terminverschiebung der großen Salierausstellung in Speyer gibt es für den 23. März 1992 einen anscheinend endgültigen Termin. Die Ausstellung wird dann bis zum 21. Juni 1992 zu sehen sein. Da für diese etwa 1000 Exponate aus zahlreichen Museen Europas an einer Stelle zusammengetragen wurden, um den Zeitraum der salischen Kaiserdynastie (994 bis 1125 n. Chr.) dokumentieren zu können, wäre es eine günstige Gelegenheit, sich vor Ort über diesen wichtigen Abschnitt des Mittelalters zu informieren.

Informationen über laufende Grabungen
Es werden auch in den nächsten Semestern wieder einige mittelalterliche Grabungen stattfinden. Ich würde nun die Grabungsleiter bitten, mir ihre Termine bekannt zu geben. Dadurch wäre die Möglichkeit gegeben, einige Exkursionen auch zu den einheimischen Grabungen zu veranstalten.

Vorträge
Es wird versucht, im kommenden Jahr einige Vorträge zu veranstalten, in denen über die bisherigen mittelalterlichen Grabungen in unserem Raum referiert wird. Vielleicht können auch ausländische Kollegen für Vorträge gewonnen werden.

Der Termin der nächsten Sitzung des Mittelalterarbeitskreises wird im Herbst am Institut für Ur- und Frühgeschichte ausgehängt. Über zahlreiche Interessenten, nicht nur seitens der Studentenschaft, würden wir uns sehr freuen. Anfragen sind entweder an die Adresse des Institutes für Ur- und Frühgeschichte, Franz-Klein-Gasse 1, 1190 Wien oder an, die Privatadresse von Ulrike Mayr, Herbststraße 40/16, 1160 Wien (Tel. 95-32-914) zu richten. Für weitere Anregungen und Vorschläge sind wir sehr dankbar.

 

Aus: Mitteilungsblatt Archäologie Österreichs 2/4, 1991, 5-7.

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